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Unternehmen als Schnüffler und Spione: Unsere Daten als Ware

Wie Sie von professionellen Datenschnüfflern ausspioniert und wozu Ihre persönlichen Daten gespeichert und ausgewertet werden

Würden Sie Unternehmen, die davon leben, Informationen über Sie zu sammeln oder Ihrer Polizeidienststelle freiwillig Ihre Gewohnheiten mitteilen und bereitwillig immer zu Protokoll geben, wen Sie wie gut kennen, wann sie wo mit wem kommunizieren, was Sie momentan beschäftigt, was Sie wann in den letzten Jahren beschäftigt hat, welche Zeitungsartikel und andere Internetseiten Sie wann lesen und in den letzten Jahren gelesen haben oder welche sexuellen Vorlieben oder politischen Interessen Sie haben? Sicherlich nicht bewusst.

Mangelnde Privatsphäre im Internet

Doch um das Anlegen umfangreicher Profile über die eigene Person zu ermöglichen bedarf es heute keiner entsprechenden Veröffentlichungen beispielsweise in sogenannten "Sozialen Netzwerken", in Foren oder auf anderen Websites. Dazu müssen auch keine Behörden oder Internetanbieter an der Leitung lauschen.

Die gewöhnliche Nutzung des Internet reicht völlig aus.

Auch ohne Login nicht anonym: Umfassende Erhebung, Speicherung und Auswertung persönlicher und intimer Daten

Dass dem jeweiligen Anbieter klar wird, wer mensch ist, wenn mensch sich auf einer Website anmeldet oder einloggt, ist den meisten UserInnen noch bewusst, auch wenn die Wenigsten wissen, dass Sie mit dem obligatorischen Akzeptieren der kaum gelesenen AGBs teilweise sogar der Analyse ihrer privaten E-Mail-Inhalte zustimmen.

Dass mensch jedoch selbst als vermeintlich anonymeR NutzerIn von einigen Unternehmen faktisch verfolgt und fast das gesamte Surfverhalten direkt ihrer Person zugeordnet, gespeichert und ausgewertet wird, ist den Wenigsten bekannt.

Tracking: Wie Datenkraken uns verfolgen und ausspionieren

Protokoll meiner von Google gespeicherten Internetaktivitäten

So weiß und protokolliert beispielsweise die Firma Google nicht nur, nach was Sie direkt auf der Google-Website wann gesucht und welche Ergebnisse Sie dann auch tatsächlich angesteuert oder was Sie sich wann wie oft auf Googles Videoplattform YouTube angeschaut haben.

Sobald Dienste wie z.B. Karten aus Google-Maps oder Videos aus YouTube in eine Seite eingebettet sind, werden diese direkt von Google geladen und Google damit - diesmal für die BesucherInnen unbewusst - informiert, dass und wann Sie diese Seite abgerufen haben.
Das gilt umso mehr, wenn beispielsweise ein von den BesucherInnen gar nicht wahrgenommener Dienst wie Google-Analytics zur Erstellung von Statistiken genutzt wird.
Auch hier landen Informationen über alle Seitenabrufe auch bei Google.

Noch problematischer, da de facto Standard, ist die technisch ähnlich funktionierende über Google-Ads oder dem mittlerweile von Google aufgekauften Unternehmen DoubleClick eingebundene Werbung. Auch diese wird immer direkt von den Google-Servern geladen und der Datenkrake damit über die eigentlichen Seitenabrufe informiert.

Somit weiß und speichert Google eben nicht "nur", was Sie mit dem Google Suchdienst wann gesucht und welche der Ergebnisse Sie dabei angesteuert haben, sondern erfährt meist auch sehr genau, wo Sie sich sonst noch herumgetrieben und was sie dabei gelesen haben.

Nutzen Sie zudem noch Werkzeuge wie z.B. die Google-Toolbar oder den Webbrowser Google Chrome, wird auch noch der bisher nicht erfasste Rest ausgeleuchtet.

Cloud

Dass sich Datensammler wie Google auch über weitere persönliche Daten, wie z.B. Ihre Termine im Onlinekalender, über Ihre Notizen im Onlinenotizbuch oder bei Google Mail über den vollständigen Zugriff auf Ihre E-Mails (was schreiben Sie wann wem und wie oft und wer schreibt Ihnen wann was und wie oft) freuen, die sie Ihrem Profil sowie bei E-Mail auch dem Profil der an Sie Schreibenden und/oder von Ihnen Angeschriebenen - auch wenn diese selbst keine Google Dienste nutzen - zuordnen können, sollte nicht mehr verwundern.

Trotzdem ist Google nicht das Problem an sich, sondern eher Symptom und als momentaner weltweiter Marktführer prominentestes Beispiel.

Denn gleiches gilt auch für in die meisten Websites eingebundene Buttons und Funktionen von Facebook, Flattr oder Twitter, welche beim Laden (auch) an diese Unternehmen senden, wo genau Sie sich gerade zu was informieren.

Wer örtlich näher liegende Beispiele sucht, kann sich die analoge Konzentration solcher Daten beim deutschen Marktführer United Internet bewusst machen: Diesem Konzern gehören Tochterunternehmen und breit genutzte Dienste wie z.B. 1&1, web.de und gmx, über die ein Großteil der deutschsprachigen Internetnutzung abgewickelt wird.

Und nicht zuletzt bei Ebay (Nutzungszeiten, Umsätze, Konsumverhalten, Interessen), Amazon (wer hat wann welche Bücher angeschaut oder bestellt), StudiVZ, Facebook (Persönliche Daten, Fotos, Themen, Interessen und soziale Netzwerke), MySpace (Interessen, wer kennt wen) und anderen marktführenden Plattformen kommen naturgemäß mit der Zeit unheimlich viele personenbezogene Daten zusammen, werden gespeichert, ausgewertet und vermarktet.

Datenbanken arbeiten unauffällig und vergessen nicht(s)

Leider vergessen solche Datenbanken im Gegensatz zu BäckerInnen, BuchhändlerInnen oder FlugblattverteilerInnen – die diese Daten im Gegensatz zu DatensammlerInnen auch nicht absichtlich zusammentragen – nicht, wann Sie mit wem was gesprochen haben, wann sie was gelesen, wofür Sie sich interessiert und was Sie gekauft haben, wie auch ZeitungsverkäuferInnen im demokratischen Rechtsstaat im Gegensatz zu Zeitungsartikel oder Werbung ausliefernden Webservern für gewöhnlich nicht protokollieren, welche Zeitung Sie anschauen, kaufen und welche der darin enthaltenen Artikel Sie wann lesen.

Riesige Datenbasis ermöglicht vollautomatische Berechnung von umfangreichen Personenprofilen

Neben der üblichen Erfassung und Speicherung von möglichst allem ist eines der größten Probleme die Konzentration solcher Daten bei wenigen Unternehmen und Konzernen.

Denn auf einer solch riesigen Datenbasis, die aber auch durch die Verknüpfung von Daten vieler kleiner Anbieter entstehen kann, werden unter anderem vollautomatisch umfangreiche Personenprofile erstellt.

Berechnung von sozialen Netzwerken und Organisationsstrukturen

Zudem werden bei der Auswertung von Kontaktdaten und Inhalten aus Kommunikationsdiensten und Vernetzungsplattformen wie z.B. E-Mail, Messengern wie ICQ, Communities, Google-Groups, Yahoo-Groups, Kalendern, StudiVZ, Xing, MySpace, Facebook usw. neben persönlichen Interessen vor allem auch soziale Zusammenhänge und Netzwerke sowie Hierarchien und Organisationsstrukturen errechnet.

Logische wirtschaftliche Entwicklungen statt Illuminaten und Weltverschwörung

Mensch braucht jedoch keine paranoiden Verschwörungstheorien zu bemühen, um nachvollziehbare Gründe für diese beängstigende Praxis zu finden.

Denn wer Entwicklungen, Trends, Strukturen, Unternehmen, Multiplikatoren, einzelne Menschen, deren soziale Netzwerke, Einfluss, Relevanz, Umsätze, Gewohnheiten, Vorlieben, Bedürfnisse, Interessen und politische Einstellung kennt, kann effektiver und effizienter Produkte entwickeln, werben und investieren sowie bei Bedarf zielgerichteter auf Politik und Wirtschaft Einfluss nehmen und letztendlich profitieren.

Zudem können unerwünschte, weil nicht lukrative Kunden schon im Vorfeld ausgeschlossen werden.

Informationen sind sehr wertvoll.

Unsere Daten und Personenprofile als Ware

Daher ist auch der Handel personenbezogener Daten zur Normalität geworden.

Missbrauch durch Geheimdienste, Polizei und Wirtschaft

Dass bei so vielen sowohl für den einzelnen Menschen, aber auch für alle Bereiche der Wirtschaft und der Politik relevanten Daten neben der Gefahr verschiedenster Formen des Missbrauchs durch und in Politik und Wirtschaft auch bei Geheimdiensten und Polizeibehörden Begehrlichkeiten geweckt und die bereits gesammelten Daten von diesen dann auch für deren Zwecke genutzt und auch missbraucht werden, ist selbstverständlich.

Um den Behörden Zugang zu den Daten zu ermöglichen, gibt es eine vom Gesetzgeber vorgeschriebene und in großen Teilen bereits automatisierte Zusammenarbeit mit Geheimdiensten und Polizeibehörden.

Big Data: Trotz Datenflut keine technischen Grenzen mehr

Wegen der Datenmengen allein auf technische Grenzen oder unverhältnismäßigen Aufwand bei der fortschreitenden Realisierung Orwellscher Zukunfsalbträume zu setzen, ist wegen günstiger und immer leistungsfähigerer Informationstechnik überholt.

Selbst die Speicherung eines vollständigen Bewegungsprofiles jeden Einwohners der BRD hätte bereits heute auf wenigen handelsüblichen Festplatten Platz.

Eine gängige Adress- oder Telefonbuchdatenbank und dazugehörige Software auf einem einzigen Datenträger wie z.B. einer CD-ROM genügt, um zu begreifen, dass selbst gewöhnliche PC-Anwender mit veralteter Standardhardware in Sekundenbruchteilen nach eigenen Kriterien Informationen aus Millionen von Datensätzen finden können und wie wenig Speicherplatz dies benötigt.

Mangelndes Problembewusstsein

Trotzdem gibt es bisher weder für die wirtschaftlichen noch für die politischen Aspekte der zunehmenden Datensammelwut ein angemessenes Problembewusstsein.

Diskriminierung und Ausschluss durch willkürliche Raster und Scoring

Dabei wird die Auseinandersetzung mit Datenschutz immer wichtiger und betrifft nicht „nur“ bespitzelte JournalistInnen oder politisch Aktive, sondern zunehmend auch Menschen, die zwar außer ihrer Privat- und Intimsphäre nichts vor den zunehmend schnüffelnden Unternehmen und Behörden zu verbergen hätten, aber sich beispielsweise um einen Arbeitsplatz bewerben, eine Wohnung suchen oder eine Versicherung benötigen und dabei in Zukunft anhand der über sie gesammelten Daten sowie willkürlich festgelegter Raster von der Wirtschaft diskriminiert werden.

Schliesslich ist es nicht völlig abwegig anzunehmen, dass bei Datensammlern und Datenhändlern zu kaufende Adresslisten der Kategorie "Überforderter Unterstützungssuchender" nicht ausschliesslich zur Unterstützung so bewerteter Menschen eingekauft werden oder Handel mit Patientendaten nicht alleine zum Zwecke der Verbesserung der Situation der Kranken geschieht.

Schutzmaßnahmen gegen Schnüffler und Datenkraken

Datenschutz

Noch kann und darf mensch neben der notwendigen politischen Auseinandersetzung Sand ins Getriebe streuen:

Nutzung von Kredit-, EC- und Rabattkarten vermeiden

Wer sein Kaufverhalten nicht mehr mitprotokollieren lassen möchte, bezahlt nicht mit EC-Karte oder Kreditkarte und nutzt auf keinen Fall sogenannte Rabatt- oder Kundenkarten wie z.B. Payback oder die Deutschlandcard.

Tracking erschweren

Als weiteren gegen viele gewerbliche DatensammlerInnen schon recht wirksamen Schritt sollte mensch sogenannte Cookies sowie Flash-Cookies automatisch löschen lassen. Dabei handelt es sich meist um unserer Person zugeordnete und auf unserem Rechner abgelegte Nummern, die bei jedem Seitenabruf wieder abgefragt und mit deren Hilfe wir selbst von Unternehmen dauerhaft und eindeutig identifiziert werden, die keinen Zugang zu der Zuordnung der verwendeten IP-Adressen zum Kunden haben.

BetreiberInnen von Websites sollten auch ihre ungeschützten LeserInnen nicht ausliefern und auch auf ihrer Seite Schutzlösungen installieren.

Kommunikation verschlüsseln

Bei nächster Gelegenheit sollte mensch Google, gmx und co. nicht mehr die Inhalte privater Korrespondenz analysieren lassen und sich mit der Verschlüsselung von E-Mails beschäftigen, die dank freier Software wie Mozilla Thunderbird, Enigmail und GnuPG relativ einfach und komfortabel geworden ist.

Auch das Chatten per Instant-Messenger läßt sich verschlüsseln.

Dank von USB-Stick lauffähigen Softwarelösungen muss hierfür nicht zwangsläufig ein eigener PC zur Verfügung stehen.

Anonym surfen

Falls Sie der Meinung sind, dass es Wirtschaft, Konkurrenz oder Behörden nichts angeht, was Sie im Internet recherchieren, sollten Sie zumindest bei sensiblen Recherchen neben dem Löschen von Cookies auch die Ihrer Person zuordenbare IP-Adresse verschleiern.

Pseudonyme und Wegwerfadressen nutzen

Warum Sie sich bei den vielen kleinen Diensten, die es im Grunde nichts anzugehen hat, wer Sie sind, nicht mit Ihrer personenbezogenen eMailadresse und Ihrem echten Namen, sondern mit temporären Wegwerfadressen und Pseudonymen anmelden sollten, ist aufmerksamen LeserInnen klar.

Merken muss mensch sich dabei nicht viel, denn die Passwortmanager moderner Browser speichern auf Wunsch Pseudonyme und Passwörter und setzten diese beim Login automatisch ein.